Eine Woche bargeldlos – das Fazit in zehn Punkten

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Bild:  “ Euro Note Currency“ von JT. Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Münzen und Scheine habe ich während der bargeldlosen Woche nicht vermisst, obwohl es das Papiergeld schon seit dem 16. Jahrhundert gibt. Mit einer gewissen Erleichterung bin ich durch die Woche gekommen, so brauchte ich auf mein Portemonnaie nicht zu achten. Ich hatte keins dabei. Meine Erfahrungen beim bargeldlosen Zahlen in dieser Woche sind positiv, trotz notwendiger Serviceverbesserungen, insbesondere im Handel. An der einen oder anderen Stelle war ich sogar überrascht, wie einfach und schnell Zahlungen elektronisch abgewickelt werden können. Ich sehe viel Potenzial im bargeldlosen Zahlungsverkehr. Zwar werden nach Aussagen der Bundesbank noch 79 Prozent der Transaktionen per Münzen und Scheine getätigt, das wird sich in den nächsten Jahren aber vermutlich ändern.

Wie sieht mein Fazit aus? Ich fasse es in zehn Punkten zusammen:

  1. Die girocard hat überragende Bedeutung beim bargeldlosen Zahlen. Sie ist meine Premium Card. Überall kann ich sie einsetzen. Im Bürgeramt Zehlendorf an allen Sachbearbeiterplätzen.
  2. Im einen oder anderen Fall wird allerdings ein Mindestbeitrag von fünf oder zehn Euro verlangt. Das ist ein Manko, im Alltagsleben gibt es viele Bereiche, wo kleine Beträge anfallen. Es ist schwierig, ein Croissant für 0,35 Euro beim Bäcker zu kaufen. Im Ausland konnte ich Beträge mit der Maestro von 2,50 Euro problemlos bezahlen. Ein echter Vorteil. Das wünsche ich mir auch in Deutschland.
  3. Das kontaktlose Zahlen mit girogo im Bereich der Kleinstbeträge ist außerordentlich attraktiv. Es gibt aber viel zu wenig Möglichkeiten mit girogo zu zahlen. Auch ist diese Zahlungsart bei den Händlern so gut wie unbekannt.
  4. Die ideale Karte ist eine girocard mit kontaktloser NFC-Zahlfunktion. Leider gibt meine Hausbank eine solche Karte nicht heraus. In einer solchen Karte sehe ich die Zukunft. Kontaktloses Zahlen für Beträge unter 25 Euro geht schnell und ist unkompliziert.
  5. Das auch Kleinstbeträge unter zwei Euro mit einer Kreditkarte abgerechnet werden können, zeigt mir in Deutschland eine amerikanische Café Kette. Seit Monaten nutze ich dort Kreditkarten für Beträge von beispielsweise 1,85 Euro, sowohl mit PIN-Eingabe als auch kontaktlos. Das finde ich äußerst praktisch.
  6. Die Geldkarte ist weitgehend unbekannt. In einem Blumengeschäft wurde mir gesagt, ich sei seit elf Jahren der erste Kunde, der mit einer solchen Karte zahlen möchte. Bedauerlich ist es, dass ich damit keine Briefmarken am Automaten mehr bezahlen kann. Damit war eine Cent genaue Abrechnung möglich.
  7. Mit der Geldkarte Fahrscheine am Fahrkartenautomaten der BVG in Berlin zu bezahlen,  war ein echtes Highlight. Ein schneller und unkomplizierter Vorgang.
  8. Unverständlich ist, dass die Deutsche Bahn in ihren Zügen die girocard nicht akzeptiert. Auch für Kleinbeträge wird dort die Kreditkarte angenommen. Warum nicht auch der Einsatz einer girocard?
  9. Große Chancen sehe ich im berührungslosen Zahlen mit NFC-Funktion. Hierin liegt die Zukunft.
  10. Um bedürftigen Menschen spontan Geld zu geben, beziehungsweise in einer Kirche zu spenden, fehlt mir in einer bargeldlosen Welt eine Lösung. Darüber müssen wir nachdenken.

Das bargeldlose Zahlen ist auf dem Vormarsch

Das kontaktlose Zahlen mit der NFC-Technik ist für Kleinstbeträge der richtige Ansatz. Die deutsche Kreditwirtschaft sollte insbesondere dem Smartphone mehr Beachtung schenken. Vielleicht heißt es künftig anstatt girocard „girosmart“. Immer mehr Zahlungsströme werden künftig über das Smartphone oder eine Smartwatch abgewickelt, später vielleicht einmal sogar über einen Smartring. Das Smartphone wird zur Fernbedienung der Welt und übernimmt damit auch Funktionen einer Bank. Das Finanzgewerbe steht vor einem radikalen Umbruch. Die Veränderungen sind Teil des digitalen Wandels, der bis in die Fundamente von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat wirken wird. Diese Entwicklungen werden schneller gehen, als wir es uns vorstellen. Deutschland muss hier schneller werden. Alle großen Internetkonzerne arbeiten an neuen Lösungen in der Finanzwirtschaft. Mobile Payment heißt das Zauberwort. In Afrika besitzen Millionen Menschen ein Handy, aber kein Konto, und nutzen mobil Geldtransfersdienste wie M-Pesa. In China zahlen circa 70 % aller Kunden mit dem Telefon.

André M.Bajorat, Chef und Gründer der Fintech-Firma Figo, den ich vor einigen Wochen bei einem Vortrag kennenlernte, geht sogar soweit, dass sich künftig das Bezahlen als eigenständige Akt auflösen könnte und teil eines Prozesses wird. Auch ich kann mir das vorstellen.

„Bargeld ist heute nichts anderes als bedrucktes Papier oder geprägtes Metall – verbunden mit dem Versprechen, dass man etwas damit kaufen kann. Es besitzt keinen eigenen Wert“, heißt es im jüngsten Spiegel 4/2016 im Artikel „Eine Welt ohne Bargeld“. Wohl wahr.

P.S. Noch immer bin ich im bargeldlosen Modus. Ich bin gespannt, wann ich wieder die erste Münze anfassen werde. Eine Twittermeldung ist es wert.

3 Gedanken zu „Eine Woche bargeldlos – das Fazit in zehn Punkten

  1. Tolles Projekt, lieber Herr Habbel! Ich habe jeden Tag mit Spannung Ihren Bericht erwartet. Sie haben mit Ihrem Projekt die Zukunft ein bisschen vorweggenommen.
    Franz Schlenke

  2. Der Knackpunkt bei der Sache ist in meinen Augen eben, dass es in Deutschland faktisch keine kontaktlosen Debitkarten gibt. Im Europäischen Ausland (Skandinavien, UK, Polen aber auch in den Niederlanden) sieht das WESENTLICH besser aus.

    Gut, da hat man aber auch Nägel mit Köpfen gemacht und gibt Maestro bzw. Mastercard Debit oder Visa Debit aus und pfuscht nicht mit solchen Totgeburten wie girogo herum. Auch girocard kontaktlos ist doch eigentlich ein schlechter Witz. Es existiern mehrere, ausgereifte und fast weltweit verbreitete, kontaktlose Zahlungssystem und der deutsche Michel hat nichts besseres zu tun als ein System zu entwickeln, das einen Meter hinter der Grenze nicht mehr funktioniert.

    Der größte Innovationsfeind ist und bleibt die Girocard und je früher man diesem Ding den Stecker zieht, desto schneller wirds auch mit bequemen Bezahlen was.

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